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Frühlingsfahrt |
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Voll freudiger Erwartung hinsichtlich des von mir versprochenen ‚Frühlingserlebnisses’ finden sich meine Gäste an den verschiedenen Zustiegstellen ein, um die Fahrt in den südlichsten Kanton der Schweiz mit einem Tagesausflug in den italienischen Teil des Lago Maggiore anzutreten. Ob das Wetter wirklich so freundlich und mild sein wird wie angekündigt? In der Via Mala, wo wir die erste längere Pause einlegen, müssen sogar die Regenschirme ausgepackt werden. Das tut aber der Freude keinen Abbruch, ist doch der Blick in die vom Hinterrhein durch das Gestein gefressene Schlucht, in die ohnehin kaum ein Sonnenstrahl fallen würde, ein Erlebnis, das seinesgleichen sucht. Hunderte Meter geht es hinunter bis zum klaren Wasser, das aber gefährlich anschwellen kann, wie die Hochwassermarken an dem in die Tiefe führenden Weg bezeugen. Allein schon der Name ‚Via Mala’, also der ‚Böse Weg’, sagt alles aus; im Laufe der Zeit hat er genügend Opfer gefordert. Sattgesehen vom Anblick der von der Natur hinterlassenen Spuren fahren wir nur ein kleines Stück weiter, um in Zillis einen der bedeutendsten Kunstschätze aus einer Zeit, in der es die Eidgenossenschaft noch gar nicht gegeben hat, genau in Augenschein zu nehmen.
In der reformierten Kirche ‚St. Martin’ ist das Hauptkunstwerk die romanische Kassettendecke mit 153 jeweils etwa 9o cm Länge mal Breite messenden Feldern. Auf Holz hatte etwa um das Jahr 114o der Künstler mit seinem Gehilfen Gips aufgetragen und darauf die Bilder mit Motiven aus dem Alten und Neuen Testament gemalt; der so entstandene innere Zyklus wird von Randbildern eingerahmt, die die romanische Tiersymbolik versinnbildlichen. Gerne greifen wir zu den bereitliegenden Spiegeln, um die interessantesten Bilder, wie etwa die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten, näher in Augenschein zu nehmen. Nach diesem Kunstgenuß wieder auf landschaftlich interessanter Strecke weiter dem Süden zu. Wenn auch im Gebirge die Nationalstraße, wie die Autobahn in der Schweiz heißt, auf längeren Strecken nur zweispurig ist, so kommen wir nunmehr bei Sonnenschein doch zügig voran und können – nach der Mittagspause in Bellinzona – bereits am Nachmittag den ersten Blick auf den Luganer See werfen. Da zeigt sich, daß das Tessin wirklich die ‚Sonnenstube der Schweiz’ ist.
Wir nützen die frühe Ankunft aus, um einen Rundgang durch die ganze Schweiz zu unternehmen. Wie das? In Swissminiatur in Melide am Luganer See werden die malerischsten Punkte der Schweiz, ihre Städte und Dörfer, ihre Denkmäler und Verkehrsmittel, aber auch ihre Landschaft in 25-facher Verkleinerung gezeigt. Kleinwüchsige Pflanzen, vor allem Bonsaibäumchen, säumen den Weg, die Schiffe auf dem Wasser sind nicht viel größer als die mit ihnen um die Wette schwimmenden Enten. Ein ganzes Land kann in einer Stunde bewundert werden.
Doch dann geht es zu dem mir seit Jahren bekannten Hotel, in dem ich den ‚Hausgebrauch’ bestens kenne. Am Abend ist noch ein Bummel am Seeufer angesagt; die gute und vor allem milde Luft wird tief und mit Freuden eingeatmet. Am nächsten Morgen heißt es aber früh aufstehen, ist doch eine große Entfernung bis zum italienischen Teil des Lago Maggiore zurückzulegen. Die Zeit vergeht aber wie im Flug – die Fahrt entlang des Westufers dieses Sees ist ja so interessant und abwechslungsreich. Immer wieder Blicke auf Buchten, kleine Inseln, verfallene Festungen und vor allem auf die Blütenpracht. In Stresa werden wir schon von ‚unserem’ Kapitän erwartet, auf geht’s zur berühmtesten Insel des Archipels, der Isola Bella. Die Führung durch das Schloß ist gleichsam ein Einblick in die Familiengeschichte der Grafen Borromeo, doch dann kommt der Barockgarten, auf den wir uns schon alle gefreut haben. Was ist wirklich dran an den weißen Pfauen, sind sie tatsächlich so weiß? Lassen sie sich photographieren? Entspricht das Bild, das ich in die Reisevorschau gestellt habe, der Wirklichkeit?
Es ist tatsächlich so; zwei Pfauenmännchen stolzieren, so als ob sie sich ihrer Schönheit bewußt wären, auf dem grünen Rasen herum, von ihrem Harem allerdings nicht sonderlich beachtet. Wenn auch die Töne, die sie von sich geben, für unsere Ohren ganz und gar nicht melodisch klingen, so sind die geschlagenen Räder umso bewundernswerter. Sie beherrschen die Szenerie und lenken fast von dem prachtvoll gestalteten Barockgarten und der Blütenpracht ab.
Zu zweit und in kleiner Gruppe, dann wieder alle vereint, erfreuen sich meine Gäste am gebotenen Schönen, müssen sich aber von dem fast überwältigenden Anblick trennen, da uns ja zur vereinbarten Zeit unser Schiff auf die Fischerinsel, die Isola dei Pescatori, zu bringen hat.
Das Mittagessen nehmen wir also auf der Nachbarinsel ein; im Freien mit Blick auf das Wasser und den regen Schiffsverkehr schmeckt der fangfrische Fisch noch besser. Aber auch von dieser Insel müssen wir Abschied nehmen, wartet doch ein für manch einen meiner Gäste völlig unerwartetes Erlebnis. In Arona heißt es, die höchste Statue Europas nicht nur von außen zu besichtigen sondern in ihrem Inneren hochzuklettern. Den hl. Karl Borromeus stellt diese in ihrer Art einmalige Statue dar. Kopf, Hände und Füße sind in Bronze gegossen, während der übrige Teil aus Kupferplatten besteht.
Aber auch hier heißt es Abschied nehmen, müssen wir doch noch um den Lago Maggiore herumfahren und dann – nach einem ganz kurzen Blick auf den Comer See und die Stadt Como – bei Chiasso zurück in die Schweiz. Bei Melide überqueren wir auf Damm und Brücke den Luganer See und sehen schon bald die Fontäne in der kleinen Bucht unweit unseres Hotels.
Mit einem Teil der Gruppe fahre ich am nächsten Morgen mit der Standseilbahn auf den Monte San Salvatore hinauf – die Talstation ist ja nur wenige Meter vom Hotel entfernt. Etwa 6oo Höhenmeter müssen in zwei Etappen überwunden werden, dann noch der kurze Aufstieg zum Gipfel, von dem allerdings nichts zu sehen ist. Die höchste Stelle dieses Hausberges von Lugano ist nämlich mit einer kleinen Kirche überbaut, deren Schiff von einer Terrasse gekrönt wird. Die Aussicht von diesem höchsten Punkt weit und breit ist einfach phantastisch, wir können die verzweigten Arme des Luganer Sees verfolgen, überblicken große Teile des Stadtgebietes von Lugano und erkennen jenseits der Bucht von Lugano den anderen Hausberg, den Monte Brè. Doch ein weiteres Erlebnis wartet. Auf dem Weg zur Schiffsanlegestelle ein kurzer Blick in die Kirche Santa Maria degli Angeli mit dem berühmten Kreuzigungsfresko von Bernardino Luini.
Dann freuen wir uns auf eine gemütliche Schiffahrt, diesmal mit einem Linienschiff. Über Gandria fahren wir zum Schweizerischen Zollmuseum, wo wir nicht nur interessante Einblicke in die ‚Welt des Schmuggelns’ bekommen sondern auch viel über die Zeit erfahren, als rund um die neutrale Schweiz die großen Kriege des 2o. Jahrhunderts getobt haben. Da gleich neben dem Museum – das Gebäude hat früher als Zollhaus gedient – die Grenze zu Italien verläuft, ist eine Aufnahme der Grenzsituation mit ‚Grenzgängerinnen’ geradezu Pflicht.
Ein interessanter Tag geht zu Ende, es heißt Abschied nehmen von diesem schönen Stück Erde mit seiner typischen Gastlichkeit. Aber noch steht eine weitere Besichtigung bevor, bevor es heimwärts geht.
Ein gemütlich in Como verbrachter Vormittag rundet das Erlebnis ‚Tessin und die oberitalienischen Seen’ ab; nach Besichtigung des Doms bummeln wir zum Seeufer und genießen das Erwachen der Stadt aus der feiertäglichen Ruhe. Weiter geht es auf der über dem Ostufer des Comer Sees angelegten Schnellstraße, die zwischen den Tunnels immer wieder wunderbare Ausblicke auf See und Landschaft gewährt, nach Norden. Ein letztes gemeinsames Mittagessen und dann hinauf ins Gebirge. Von den Serpentinen im Anstieg zum Malojapaß sehen wir schon Schneefelder, auf der Paßhöhe machen sich Höhenluft und die niedrige Temperatur bemerkbar. Aber gut gelaunt genießen wir auch diese Fahrtunterbrechung.
Und dann geht es immer den Inn entlang,
der vorerst noch ein Rinnsal ist. In tieferen Lagen ist auch hier der
Frühling schon eingekehrt, wenn es natürlich auch nicht so grünt und
blüht wie im Tessin. In der Erinnerung sind noch einmal alle
Reiseteilnehmer auf der Isola Bella vereint, wo ich das Gruppenbild
aufgenommen habe.
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