Tessin

 

In den letzten Jahren habe ich - abgesehen von meinen privaten Reisen - den Tessin als Reiseleiter zumeist im Frühling besucht, um meine Gäste erleben zu lassen, daß es im südlichsten Schweizer Kanton schon grünt und blüht, während es in unseren Breitengraden noch empfindlich kalt sein kann. Heuer möchte ich diese schöne Reise im August durchführen, wenn die lauen Abende noch zum Bummeln auf der Uferpromenade von Lugano einladen, wenn die Musik von Freiluftkonzerten die Dunkelheit durchdringt und wenn von Schiffen, die auf dem Luganer See kreuzen, die sich vom Ufer bis auf die Höhen der Hausberge Luganos emporwindenden Lichterketten verfolgt werden können. Dann herrscht eine nicht zu übertreffende romantische Stimmung. Folgen Sie mir also am 12. August 2o11 auf eine viertägige gemütliche Kulturreise in diese sonnenverwöhnte Gegend, wobei wir am dritten Reisetag am Langensee (italienisch: Lago Maggiore) den italienischen Regionen Piemont und Lombardei einen Besuch abstatten, also noch weiter in den Süden mit seiner subtropischen Vegetation vorstoßen.
 


 

Die Reise beginnt in Linz, wobei auf der ganzen Strecke über Salzburg und Innsbruck Zustiegsmöglichkeiten bestehen. Im Tiroler Oberland können wir ganz gemütlich zu Mittag essen - einerseits muß ja auch der Fahrer seine Pausen einhalten, andererseits wollen die in Oberösterreich oder Salzburg gestarteten Gäste sicherlich ihren Hunger stillen  - und dann geht es durch das Arlberggebiet ins Ländle. Die Tunnels bieten sich geradezu als ‚Verdunkelung’ für Filme über das Zielgebiet an, sodaß keine ‚Tunnelangst’ aufkommen kann. Weiter geht es durch das Fürstentum Liechtenstein in die Eidgenossenschaft, wobei ich im Kanton Graubünden zwei Aufenthalte vorsehe, wie sie gegensätzlicher nicht sein können.


 

Wir verlassen deshalb die nach Süden führende Nationalstraße - so heißt die Autobahn in der Schweiz - und schlängeln uns auf der Verbindungsstraße weiter, den Blick weniger voraus als vielmehr nach oben und unten gerichtet. Was wir sehen, sind Felsen und wieder Felsen. Auf einem Parkplatz halten wir und lesen ‚Via Mala’. Da wissen wir, daß wir uns am ‚Bösen Weg’, wie er in früheren Zeiten wegen seiner Gefährlichkeit genannt worden ist, befinden. Durch die Schlucht, die der Hinterrhein seit der letzten Eiszeit gegraben hat, donnern auch heute noch bei Hochwasser die Wassermassen und hinterlassen ihre Spuren - die Hochwassermarken zeugen davon. Wir aber halten das Naturschauspiel fest, doch was ist das andere, das gegensätzliche Erlebnis?
 


 

Da müssen wir nicht bis zum Abschmelzen des Eises und somit bis zur Entstehung des fließenden Gewässers, das wir heute Hinterrhein nennen, zurückgehen - es reichen etwa 9oo Jahre, so genau weiß man es nicht. Damals ist in die äußerlich unscheinbare romanische Kirche von Zillis (rätoromanisch: Ziran oder Ciraun) eine aus 153 Feldern bestehende Kassettendecke eingebaut worden, das älteste erhaltene in Temperamalerei ausgeführte Werk im gesamten Abendland. Klar, daß wir uns diesen Kulturgenuß nicht entgehen lassen. Mit bereitliegenden Spiegeln können wir auf den einzelnen Feldern Darstellungen aus dem Leben Christi sowie aus dem Leben des hl. Martin betrachten; in den Randfeldern erkennen wir Fabeltiere und in den Eckfeldern Engel als Verkörperung der vier Winde. Selbstverständlich erhält jeder Gast von mir eine ‚Bildbeschreibung’, sodaß wir die Abfolge gut erkennen können. Im Bus schon haben wir einen Streifzug durch die Kunstgeschichte unternommen, wobei ich auch das Wesen der Temperamalerei erklärt habe (das wohl berühmteste Gemälde in dieser Malereiart ist das ‚Letzte Abendmahl’ von Leonardo da Vinci im Refektorium des Dominikanerklosters Santa Maria delle Grazie in Mailand). Näheres kann ich im gemütlichen Gespräch mit entsprechenden Schautafeln an einem der Abende erklären.
 

B
 

Wir müssen uns aber losreißen, da doch noch eine größere Wegstrecke zurückzulegen ist und wir zum Abendessen in unserem Hotel in Lugano erwartet werden. Auf der Weiterfahrt genießen wir die landschaftliche Schönheit und kommen nach der Durchfahrt durch den San-Bernardino-Tunnel - mit unserem großen Bus dürfen wir nicht über den San-Bernardino-Paß fahren, so schön diese Strecke auch wäre - in das Misoxer Tal, in dem wir in gewaltigen Kehren steil bergab fahren. Erst kurz vor Bellinzona, der Hauptstadt des Kantons Tessin, verlassen wir Graubünden, den größten Schweizer Kanton. Unser Zielgebiet ist mit dem Tessin erreicht, nunmehr liegt Lugano doch schon sehr nahe.

Nach dem Zimmerbezug in unserem Hotel in Lugano, einer allfälligen Erfrischung im Hallenbad oder im Freibad des Hotels und dem Abendessen ist gemütliches Beisammensein in der Hotelbar angesagt oder aber ein Bummel auf der nahen Strandpromenade ins Zentrum Luganos
 


 

Am zweiten Reisetag verlassen wir die Schweiz vorübergehend und fahren nach Italien. Es geht rund um die Nordspitze des Langensees und dann an dessen Westufer entlang bis Stresa. Während der ganzen Fahrt können wir uns am Anblick der weiten Wasserflächen gar nicht genug satt sehen, links und rechts der Straße die Flora des Südens.

In Stresa tauschen wir den festen Boden gegen das Seewasser, mit dem Schiff legen wir die kurze Strecke bis zur Hauptinsel der Borromäischen Inseln, der Isola Bella, zurück. Dort erwartet uns ein Schloßführer, der uns im mit Kunstschätzen prächtig ausgestatteten Schloß durch Säle und Grotten geleitet sowie uns über Geschichte und Gegenwart informiert. Immer wieder begegnen uns im Schloß drei ineinander verschlungene Ringe, nämlich die Borromäischen Ringe, über deren Bedeutung wir bei der Schloßführung aufgeklärt werden.
 


 

Dann aber soll der Wunsch in Erfüllung gehen, den wir alle mit dem Besuch der Isola Bella verbinden: Wir wollen die weißen Pfauen sehen, die durch den Schloßpark stolzieren. Auch wenn dieser ein Wunder barocker Gestaltungsfreude darstellt, so konzentriert sich jeder Besucher anfangs ganz auf die Pfauen, erst dann besinnt er sich auf die Pracht des Gartens und genießt den Aufenthalt auf den Terrassen des Schloßparks. Vor der Schiffahrt zurück nach Stresa noch ein kleiner Imbiß in der Inselgastronomie.
 


 

Wir tauschen wieder, diesmal Schiff gegen Bus, und erreichen nach kurzer Fahrtstrecke eine Statue, die als die höchste Europas gilt. In Arona steht nämlich die Kolossalstatue des hl. Karl Borromeus. Für sportlich Geübte stellt es keine Schwierigkeit dar, auf eigene Gefahr die steile Treppe im Inneren der Statue hinaufzuklettern und dann - knapp 35 m über Grund – etwa aus den Augen herauszuschauen, wobei der Blick über den See bis zum ostseitigen Ufer Richtung Angera schweift. Ein unvergeßliches und sicherlich einmaliges Erlebnis! Wer aber nicht im Inneren der Statue hochklettern will, kann auch so über den See blicken.
 


 

Weiter geht die Fahrt, nunmehr um die Südspitze des Sees herum, um auf der ostseitigen Straße, die teilweise am Ufer verläuft, wieder nach Norden zu fahren. Neuerdings ergeben sich wunderbare Ausblicke auf und über den See. Ein kirchen- und kunstgeschichtliches Erlebnis wartet aber noch auf uns. Wir wollen zur Wallfahrtskirche Santa Caterina del Sasso hinabsteigen, die uns in bezaubernder Lage knapp über dem Wasserspiegel empfängt. Auch hier für die Photographen ein richtiges Bilderbuchmotiv.
 


 

Zum Abendessen sind wir nach diesem so abwechslungsreichen Tag wieder in unserem Hotel und rätseln, was der dritte Reisetag an Schönem bringen wird - wenn schon keine Steigerung mehr möglich ist, dann doch ein anderes wunderbares Erlebnis!

Das Verzascatal ruft und wir kommen gerne. Nahe Locarno beginnt die 25 km lange kurvenreiche Straße, die bis zum Talschluß bei Sonogno führt. Ein Erlebnis reiht sich an das andere. Schon bald nach der Einfahrt in das Tal kommt die gewaltige Mauer des Stausees von Vogorno in Sicht. 38o m ist sie lang und 22o m hoch, eine der höchsten in Europa. Freunde der James-Bond-Filme kennen sie als einen der Schauplätze in ‚Golden Eye’. In Lavertezzo dann ist ein längerer Aufenthalt geradezu Pflicht: Den Fluß mit seinem smaragdgrünen gischtenden Bergwasser quert, in der Mitte auf einem Felsen ruhend, eine zweibogige mittelalterliche Steinbrücke, der ‚Ponte dei Salti’.
 


   

Während vielfach einzig und allen wegen des Wassers und der Brücke das Tal besucht wird, haben wir aber vor, noch weiteres Interessante zu sehen. In Brione wollen wir wieder einmal in die Kunstgeschichte ‚eintauchen’, es gilt, das Kleinod des Tales, die Fresken in der Pfarrkirche Santa Maria Assunta, in Augenschein zu nehmen. Ein uns namentlich nicht bekannter Maler hat im Stile Giottos einen Christus-Zyklus freskiert, der in einigen Teilen noch recht gut erhalten ist.
 


 

Weiter geht dann die Fahrt bis Sonogno, früher weltabgeschieden, heute aber von Fremden überflutet. Zu Recht wird dieses hübsche Tessiner Dorf mit seinen in Stein und Holz errichteten Häusern, die ein geschlossenes Ortsbild ergeben, gerne aufgesucht. Heute leben in ihm nur etwa einhundert Einwohner. Hier können wir in bester Höhenluft (über 9oo m ü.d.M.) die Mittagszeit verbringen.
 


 

Zurück in Lugano habe ich noch eine Überraschung vor. Nach dem Abendessen in unserem Hotel können wir - was nur in den Sommermonaten möglich ist - eine Abendfahrt auf dem Luganer See unternehmen und auf den Abschluß des Aufenthaltes im Tessin mit einem Glas guten Tessiner Weins anstoßen. Am letzten Reisetag müssen wir dann allerdings früh aufbrechen, da doch wieder eine große Strecke zurückzulegen ist, auf der wir wieder Natur und Kultur vom Feinsten serviert bekommen. 

Am Rückreisetag kommen wir ein zweites Mal auf italienisches Staatsgebiet. Hoch über dem Nordufer des Luganer Sees - wir erblicken auf dem gegenüberliegenden Ufer das frühere Schweizer Zollgebäude, das heute das Schweizerische Zollmuseum beherbergt - verlassen wir den Kanton Tessin. Bald schon erreichen wir den Comer See, dessen Nordteil wir umrunden, um zu der in stiller Einsamkeit auf einer in den See ragenden Halbinsel zur Abtei von Piona zu gelangen. Die beeindruckende Lage ist genauso einen Besuch wert wie der Kreuzgang oder die Klosterkirche mit ihren Fresken.
 


 

Von nun an geht es stetig bergauf, bis wir mit dem Malojapaß eine Höhe von 1815 m erreichen. An landschaftlich schönen Stellen legen wir Pausen ein, so natürlich am Ende der Steilstrecke mit dem Blick auf die Serpentinen der Paßstraße oder am Ufer des St. Moritzer Sees. Lange fahren wir den Inn entlang, zuerst im Engadin, dann in Tirol. Die eindrucksvolle Reise endet an ihren Ausgangspunkten - die Erinnerung an unvergleichlich schöne Landschaften und besondere kulturelle Erlebnisse bleibt aber bestehen.

Da ich die vorjährigen Tessin-Reisen, bei denen wir im gleichen Hotel in Lugano untergebracht gewesen sind, ausführlich beschrieben und auch eine Unzahl von Bildern ins Netz gestellt habe, können weitere Informationen den entsprechenden Vorschauen bzw. Rückblicken entnommen werden.