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Glacier Express - Zermatt
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Sollte ich die schönsten Reisen
aufzählen, die ich bisher geleitet habe, dann müßte ich unbedingt auch
auf die Erlebnisreise mit dem ‚langsamsten Schnellzug der Welt’
verweisen. Seit dem Jahre 1998 habe ich in Zusammenarbeit mit
verschiedenen Reiseveranstaltern Glacier-Express-Reisen geleitet. Da
aber die Reise vom Juni 2oo6 derart ausgewogen gewesen ist, wiederhole
ich heuer diese Reise mit dem gleichen Programm. Folgen Sie mir also am
22. Juli 2o1o in die Eidgenossenschaft.
Bevor wir uns aber ‚auf große Fahrt’ begeben, ein kurzer Blick zurück in die Geschichte dieses Schweizer Paradeunternehmens zur Einstimmung. Zwischen den Jahren 189o und
193o haben beherzte Pioniere einzigartige Meisterstücke des Bahnbaues
geschaffen. Sie haben unwegsame Berge mit zahlreichen technischen
Kunstgriffen wie Kehrtunnels und Schleifen, Viadukten und
Zahnstangensystemen bezwungen. Noch aber ist keine Verbindung zwischen
den Kanonen Wallis und Graubünden gegeben gewesen. Erst im Jahre 193o,
als sich die Visp Zermatt Bahn, die Furka Oberalp Bahn und die Rhätische
Bahn zusammengeschlossen haben - Voraussetzung ist die Verlängerung der
Geleise vom Mattertal bis Brig gewesen -, ist der Glacier Express aus
der Taufe gehoben worden. Ein einziges Netz der Meterspurbahn von
Zermatt über Chur bis St. Moritz mit exklusiven Salonwagen ist nunmehr
zur Verfügung gestanden - mit einem einzigen Nachteil. Vor jedem Winter
haben die Fahrleitungen und Masten der Strecke über den Furkapaß
abgeräumt und im Frühjahr mühsam wieder aufgebaut werden müssen.
Endgültig gelöst worden ist aber das Problem im Jahre 1982 mit der
Eröffnung des 15.4 km langen Furka-Basistunnels. Seither rollt der
Glacier Express ungehindert das ganze Jahr über die Schweizer Alpen und
ist auch im Winter eine besondere Attraktion. Im Jahre 2oo3 haben die
Visp Zermatt Bahn und die Furka Oberalp Bahn zur Matterhorn Gotthard
Bahn fusioniert - der Paradezug der Schweizer Eisenbahnen wird nur noch
von diesen beiden Bahngesellschaften geführt. Das rollende Material wird
laufend verbessert und bietet den Reisenden aus aller Herren Länder
einen ganz besonderen Komfort.
Und nun wollen wir die Reise beginnen! Sie führt von Oberösterreich und Salzburg über Innsbruck - im Inntal können die Tiroler Teilnehmer zusteigen - ins Ländle und vom Fürstentum Liechtenstein über den Rhein in die Eidgenossenschaft. Am Walensee legen wir einen kurzen Halt ein, um einen ersten Eindruck von den Schweizer Seen zu bekommen. Dann aber ist Luzern das Ziel für einen etwas längeren Aufenthalt. Folgen Sie mir auf einen
Rundgang durch eine der schönsten Städte der Schweiz, bummeln Sie mit
mir über die die Reuss überspannende Kapellbrücke und sodann flußabwärts
Richtung Spreuerbrücke. Vom Flußufer blicken wir auf das Nadelwehr, mit
dem der Wasserstand des gesamten Vierwaldstätter Sees reguliert wird.
Wir haben aber auch die Jesuitenkirche, die älteste Barockkirche der
Eidgenossenschaft, nicht nur im Blick; wir statten dieser
lichtdurchfluteten Kirche auch einen Besuch ab. Auf der Spreuerbrücke
mit ihren kunsthistorisch wertvollen Totentanzbildern überqueren wir
noch einmal die Reuss und genießen die Stimmung in der Fußgängerzone mit
ihren malerischen Gassen und attraktiven Plätzen.
Schweren Herzens müssen wir von dieser so traumhaft am Vierwaldstätter See gelegenen Stadt Abschied nehmen, doch werden wir auf der Weiterfahrt durch besondere Schönheit der Natur entschädigt. Vorbei an leuchtend blauen Seen, durch grüne Wälder und über Gebirgsmatten erreichen wir zwei Alpenpässe, wobei es nach dem 2165 m hohen Grimselpaß das landschaftlich so schöne und etwas ursprünglich wirkende Tal der Rotten (so nennen die Deutsch-Schweizer den Fluß Rhone) abwärts geht. In Naters bei Brig erreichen wir unser Tagesziel; zwei Nächte bleiben wir im gleichen Hotel. Auch der zweite Reisetag bringt
eine Fülle besonderer Erlebnisse, stehen doch Zermatt und Saas Fee auf
dem Programm. Vorerst beginnen wir ‚ganz normal’ mit unserem Bus, mit
dem wir nach Täsch im Mattertal fahren. Dort müssen wir in einen
Pendelzug umsteigen, da Zermatt für Touristen nur auf dem Schienenweg
erreichbar ist. Dafür genießen wir auf über 16oo m ü.d.M. die reine
Höhenluft und erfreuen uns an den im heimischen Holzbaustil errichteten
Bauten. Rund um den Ort erheben sich nicht weniger als 33 der 38
Viertausender der Schweiz, darunter auch der ‚Berg der Berge’, das
Matterhorn mit seiner so charakteristischen Form.
Sicher wollen Sie diese
Viertausender zum Greifen nahe haben. Fahren Sie also mit mir mit der
Gornergratbahn, dieser im freien Gelände angelegten Zahnradbahn, auf
über 3ooo m Höhe hinauf - Berge und Gletscher kommen immer näher und
näher, immer imposanter baut sich die Felspyramide des Matterhorns auf.
Werden wir dieses Wahrzeichen der Schweiz tatsächlich sehen oder ist es
- wie so oft - von Wolken verhüllt?
Von der Bergstation der
Zahnradbahn müssen wir nur noch wenige Höhenmeter bis auf den Gornergrat
zurückzulegen. Dort bietet sich aus einer Höhe von 313o m ein
Panoramablick von überwältigender Großartigkeit und fast
unbeschreiblicher Schönheit. Im Mittelpunkt das 4478 m hohe Matterhorn,
links davon das Breithorn, die Zwillinge Castor und Pollux sowie im
Monte-Rosa-Massiv die mit 4634 m Höhe höchste Erhebung der Schweiz, die
Dufourspitze. Mit dem Weißhorn und dem Dom im Norden haben Sie zwei
weitere der vielen Viertausender im Blickfeld. Und dazwischen die
gleißenden Eisströme.
Sicherlich stundenlang könnten
wir diese zauberhafte Hochgebirgswelt genießen, doch müssen wir wieder
nach Zermatt zurück und nach einen Bummel durch den Ort mit dem
Pendelzug nach Täsch, wo wir wieder in unseren Luxusbus einsteigen. Ein
weiteres Feriendorf ist unser Ziel, nämlich Saas Fee. Beim Gang durch
diesen Ort können wir einerseits den Blick auf über zwei Dutzend
Gletscher werfen, andererseits aber noch die alten, gleichsam auf
Stelzen gebauten Stadel und Speicher sehen.
Der dritte Reisetag bringt das
erwartete ‚Erlebnis Glacier Express’. Vor der Abfahrt des Zuges geht
sich voraussichtlich noch ein Bummel durch Brig, den Hauptort des
deutschsprachigen Oberwallis, aus. Das bedeutendste Baudenkmal, nämlich
der Stockalper-Palast mit seinen riesigen, von vergoldeten Zwiebelhauben
bekrönten Türmen, besticht auch durch seinen Arkadenhof.
Dann aber müssen wir in Brig in
den Zug Richtung St. Moritz einsteigen, ein Wagen ist für uns
reserviert. Eine mehr als sechsstündige Fahrt durch traumhaft schöne
Landschaft nimmt ihren Anfang. Informationen über die Fahrstrecke und
die Sehenswürdigkeiten links und rechts bekommen wir aktuell über
Kopfhörer serviert. In Disentis (rätoromanisch Mustér) etwa werden wir
über die Benediktinerabtei St. Martin, eine der ältesten
Klostergründungen in der Schweiz, informiert. Natürlich kommt auch das
Kulinarische nicht zu kurz - Gaumen und Auge freuen sich!
Im Zug lassen wir uns also auch kulinarisch verwöhnen, doch gilt naturgemäß unser Hauptaugenmerk - die großen Panoramascheiben kommen uns dabei sehr entgegen - den vorbeiziehenden Wiesen und Feldern, Flüssen und Bergen, wobei am Oberalppaß mit 2o33 m Meereshöhe der höchste Punkt der Zugreise erreicht wird. Größere Steigungen oder Gefälle werden mit Hilfe der Zahnstange bewältigt. Die Zeit vergeht wie im Flug - auch die Fahrt durch den Furka-Basistunnel, den längsten Schmalspurbahntunnel der Welt, kommt uns nicht lange vor. Nach der romantischen Fahrt
durch das Vorderrheintal wird in Chur mit 585 m Höhe der tiefste Punkt
der Reise erreicht. Richtung St. Moritz führt die Fahrt über den 13o m
langen und 65 m hohen Landwasser-Viadukt, das Wahrzeichen des Glacier
Express. Vom Zug aus sehen wir allerdings das beeindruckende Bauwerk,
das auf fünf gemauerten Pfeilern in einer Kurve mit 1oo m Radius direkt
in den Landwasser-Tunnel führt, nur ganz kurz. Wir verstehen durchaus,
daß die UNESCO ein Teilstück der Rhätischen Bahn sowie die Strecke, auf
der der Bernina Express von St. Moritz nach Tirano verkehrt, zum
Welterbe erhoben hat. In St. Moritz erwartet uns unser Fahrer mit dem
Bus am Bahnhof, zum Hotel ist es nicht mehr weit.
Am letzten Reisetag geht es dann
Richtung Heimat. Aber auch bei dieser Busfahrt warten landschaftliche
und kulturhistorische Erlebnisse auf uns. Vorerst geht es innabwärts bis
Zernez, um dann im Schweizerischen Nationalpark Richtung Ofenpaß zu
fahren. Knapp vor der Grenze zu Südtirol besichtigen wir noch in Münster
die aus der Zeit Karl des Großen stammende Klosteranlage St. Johann,
seit 1983 UNESCO-Weltkulturerbe. In der Klosterkirche zeigen die
karolingischen Fresken aus dem 8. Jahrhundert Szenen aus der biblischen
Geschichte.
Bereits nach kurzer weiterer
Fahrstrecke sind wir in Südtirol, wo wir von Glurns die Etsch aufwärts
fahren. In Graun, wo der im Vorjahr restaurierte Kirchturm aus dem
Wasser des Stausees ragt, legen wir noch eine Pause ein.
Im Inntal östlich von Zams
schließt sich dann der Kreis - eine abwechslungsreiche und trotz der
vielen Eindrücke keineswegs anstrengende Reise neigt sich dem Ende zu.
Es geht zurück zu den Ausgangspunkten in Tirol, Salzburg und
Oberösterreich.
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