Natur und Kultur am Semmering

 


 

Wer mit dem Wort ‚Semmering’ nur Carl Ritter von Ghega und ‚seine’ Semmeringbahn verbindet, erfaßt zwar viel Schönes und Interessantes an Natur und Technik, doch lange nicht alles, was diese so wunderbare Gegend unserer Heimat zu bieten hat. Da für viele Tiroler das Semmeringgebiet einen ‚weißen Fleck auf der Landkarte’ darstellt, habe ich dieses erforscht, um auf einer Fünf-Tage-Reise zumindest einen Teil des Schönen und Interessanten vermitteln zu können. Folgen Sie mir also am 11. September 2o1o auf eine Reise in das Semmeringgebiet, von der UNESCO 1998 in die Liste des Welterbes aufgenommen.
 


 

Die Fahrt führt von Innsbruck über Kufstein und Salzburg nach Osten, wobei im so lieblich über dem Mondsee gelegenen Rasthaus die erste Kaffeepause eingelegt wird. Zum Mittagessen finden wir uns dann in dem genauso hervorragenden Rasthaus St. Pölten ein. Dann aber geht es - vorbei an Lilienfeld, wo wir am Heimreisetag im Zusammenhang mit dem Zisterzienserkloster tief in unsere Geschichte eindringen werden - ziemlich genau nach Süden, wobei das kulturelle Ziel in Kerndorf liegt. Was hat denn dieses kleine niederösterreichische Dorf zu bieten?
 


 


 

Wir besuchen eine Vorstellung im einzigen Kameltheater der Welt! Ja gibt es denn so etwas? Ja, natürlich, denn sonst könnten wir dort keine Vorstellung besuchen. Vor dieser aber streifen wir durch das Tierparadies, wo wir auf dem Panorama-Weg nicht nur an den Gehegen von Alpakas, Kängurus, Muntjaks, Schneeleoparden und Nasenbären vorbeikommen sondern auch die in Österreich einzigartigen weißen Tiger - bekannt durch Siegfried und Roy - in Augenschein nehmen können.
 


 

In der Vorstellung mit dem Titel „Die Hochzeit des Sultans“ dürfen aus verständlichen Gründen keine Aufnahmen gemacht werden, weshalb ich mich nur auf den Hinweis beschränken kann: „Einfach wunderbar, noch nie erlebt, phantastisch!“ Dann aber treffen wir noch nahe der Sepp-Forcher-Warte im äußerst gemütlichen Don-Kamelo-Wirtshaus zusammen, wo wir die Zeit in dieser einzigartigen Anlage ausklingen lassen.
 


 

So schwer uns auch der Abschied fällt, am späten Nachmittag müssen wir uns auf den Weg zu unserem feinen Hotel „Börsenhof“ in Miesenbach machen, wo die Wände „voller Gauermann“ hängen. Mit dem vorzüglichen Abendessen beenden wir den ereignisreichen Tag.
 


 

Am zweiten Reisetag können wir ausschlafen und das Frühstücksbuffet genießen, da das nahe gelegene Gauermann-Museum seine Pforten erst um 1o.oo Uhr öffnet. Hier dringen wir dann tief in das künstlerische Schaffen von Friedrich August Matthias Gauermann (geb. 2o.9.18o7 in Miesenbach, gest. 7.7.1862 in Wien) ein.

Vater Jakob Gauermann, selbst Maler, Zeichner und Kupferstecher, erkannte schon früh das künstlerische Talent seiner Söhne Carl und Friedrich und förderte es entsprechend. Während Carl allerdings bereits mit 24 Jahren starb, war Friedrich eine erfolgreiche künstlerische Laufbahn beschieden. Nach dem Besuch der Akademie der bildenden Künste in Wien bildete er sich - vornehmlich als Autodidakt - auf zahlreichen Reisen weiter. Als Mitglied der Wiener Akademie war er mit den bedeutendsten Künstlern und Dichtern, so mit Nestroy und Raimund, bestens bekannt. Die Wiener Aristokratie des Vormärz überhäufte ihn mit Aufträgen, sodaß er hervorragend verdiente. Als sich aber der Zeitgeist nach 1848 änderte, ließ der Erfolg nach, als populärer Landschaftsmaler der Biedermeier-Zeit ist sein Schaffen jedoch unvergessen.

Was zeichnet nun Gauermann-Bilder so aus? Einerseits sind sie durch Licht- und Stimmungseffekte geprägt, andererseits sind - vor allem in späteren Werken - die Wald- und Berglandschaften mit Tieren bevölkert. Wir erleben also einen wunderbaren Einblick in das Schaffen unseres niederösterreichischen Landsmannes, das im Museum in Miesenbach für die Nachwelt erhalten wird.
 


 

Nach einer kleinen Stärkung in unserem Hotel müssen wir aber unbedingt die nähere Umgebung erforschen. Der weitere Weg führt uns ins nahe gelegene Gutenstein, wo es gilt, der Raimundgedenkstätte und dem Mariahilfberg, aber nach Maßgabe der Zeit auch dem Waldbauernmuseum einen Besuch abzustatten. Auf jeden Fall wollen wir das Grabmal Ferdinand Raimunds aufsuchen und unseres großen Dramatikers gedenken, der gemeinsam mit Johann Nestroy Hauptvertreter des Alt-Wiener Volkstheaters gewesen ist. In jungen Jahren - nicht immer erfolgreich - als Schauspieler tätig, hatte sich Raimund (eigentlich Ferdinand Jakob Raimann) als Ziel das tragische Charakterfach gesteckt, seine großen Erfolge aber in komischen Charakterrollen gefeiert.   

Der dritte Reisetag ist voll und ganz der wunderbaren Landschaft gewidmet. Nur wenige Kilometer sind es nach Puchberg am Schneeberg, einem heilklimatischen Kurort in einem romantisch verträumten Talkessel im Bereich der eine geologische Einheit bildenden Rax-Schneeberg-Gruppe. Hier in Puchberg ist der Ausgangspunkt unserer Zahnradbahnfahrt, die uns in knapp einer Stunde aus einer Höhe von 577 Metern bis auf 18oo Meter hinaufbringt. Während der Fahrt werden uns die Daten der Bahn und ihrer Triebfahrzeuge über Bildschirme vermittelt. Unterwegs hält die Salamander Zahnradbahn - wie der Zug offiziell heißt - in einer der Stationen länger an, damit wir uns erfrischen können.
 


 


 

In der Bergstation Hochschneeberg in 18oo Meter Höhe erwarten uns dann eine intakte Natur sowie markierte Wanderwege. Diese führen sanft bergan und ermöglichen bald schon eine herrliche Fernsicht auf die beiden Gipfel des Schneebergs, die „Klosterwappen“ (2o75 m) und „Kaiserstein“ (2o61 m) genannt werden. Es sind die östlichsten Zweitausender der Ostalpen, die bei klarem Wetter sogar von Wien aus gesehen werden können. 

Nahe der Bergstation gilt es das Elisabeth-Kirchlein zu besuchen und unserer am 1o. September 1898 von einem italienischen Anarchisten in Genf ermordeten Kaiserin Elisabeth zu gedenken. An erhabener Stelle mit wunderbarer Aussicht ist diese Gedächtniskirche errichtet worden, umgeben von Wiesen mit hochalpiner Flora.
 


 

Wer vom Wandern in der Gebirgsluft hungrig ist, hat genügend Zeit, sich im Berghaus, etwa bei Wildspezialitäten, zu stärken. Einrichtung und Atmosphäre erinnern bewußt noch an die Zeit der Errichtung des Baues vor über einhundert Jahren.
 


 

Da wir an den Fahrplan der Salamander Zahnradbahn gebunden sind, müssen wir zur vorgegebenen Zeit Abschied nehmen und zurück nach Puchberg fahren. Nicht weit ist es dann zum nächsten „Erlebnis Natur“, nämlich zum Gebiet der Hohen Wand. Dieses ist eine als Naturpark unter Schutz gestellte Felsformation. Genießen wir den prachtvollen Blick von der Aussichtsterrasse an der Wandoberkante.

Auch der vierte Reisetag bietet abwechslungsreiche Erlebnisse. „Endlich“ geht es zum Semmering, wobei wir unseren Wissensdurst im Bahnhofsbereich stillen können. Empfangen werden wir von einem eindrucksvollen Ghega-Denkmal und einem „Blauen Blitz“. In dem im Bahnhofsgebäude untergebrachten Museum können wir dann genügend Interessantes entdecken. Anhand von Schautafeln, Modellen und Urkunden machen wir uns ein Bild vom Bau der Semmeringbahn in den Jahren 1848 bis 1854, wobei die Informationen noch durch einen äußerst interessanten Film von Eisenbahnfahrten auf der Semmeringstrecke ergänzt werden.
 


 


 

In dem als Höllental bezeichneten Abschnitt des Schwarzatales können wir dann wieder „Natur pur“ genießen. Zwischen der Rax im Süden und dem Schneeberg im Norden hat sich der Fluß durch den Kalkstein gefressen. Oft stehen die Felsen so dicht zusammen, daß kaum Platz für die ständig zwischen den Ufern wechselnde Straße bleibt. Parallel zur Straße verläuft die erste Wiener Hochquellenleitung zur Wasserversorgung Wiens. Im Wasserleitungsmuseum Kaiserbrunn in Reichenau an der Rax erfahren wir Näheres über die Wassererschließung und die Versorgung Wiens. Beim Mittagsessen beschränken wir uns auf ein Sterzessen in romantischer Umgebung.
 


 

Im Gemeindegebiet von Muggendorf wollen wir uns nicht die Myrafälle entgehen lassen. Machen wir es unserer seinerzeitigen Landesfürstin, der Erzherzogin Maria Theresia, der Gemahlin des 1765 in Innsbruck verstorbenen Kaisers Franz I., nach und erfreuen wir uns an dem beeindruckenden Naturschauspiel, das die tosend zu Tal schießenden Wasser der Myra bieten.

Nach vier äußerst erlebnisreichen, aber doch gemütlich verbrachten Tagen wollen wir auf der Heimfahrt noch der Stadt Lilienfeld einen Besuch abstatten. Ein abschließender Höhepunkt unserer Reise: Die alte Babenbergerstadt im Traisental ist nicht nur der Hauptort des waldreichsten Bezirkes Österreichs, sie besitzt mit dem 12o2 gegründeten Zisterzienser-Stift auch landesweit den größten Klosterbau des Mittelalters.
 


 

Die Stiftskirche ist von Papst Paul VI. in den Rang einer ‚basilica minor’ erhoben worden; sie beeindruckt mit einem 19 m hohen Barockaltar. Mit 478 Marmorsäulen weist die Anlage den größten Kreuzgang eines österreichischen Klosters auf.
 


 


 

Unter fachkundiger Führung erkunden wir die wesentlichen uns zugänglichen Teile der Klosteranlage und lassen uns gerne über Geschichte und Gegenwart informieren. Kulturhistorisch gesehen sicherlich der Höhepunkt der Reise, denn mit der Urkunde des letzten Babenberger-Herzogs, auf der erstmals der rot-weiß-rote Bindenschild zu sehen ist, hütet das Kloster einen Schatz von unermeßlichem Wert.

Da aber nicht nur der Geist auf seine Rechnung kommen soll, suchen wir auf dem weiteren Heimweg noch die uns bereits bekannten Rasthäuser auf. Im Bus können wir noch über die Ereignisse der zurückliegenden Tage plaudern und mit einem Film besondere Erlebnisse herausstreichen. In Innsbruck endet schließlich diese gemütliche Kulturreise, die im kommenden Jahr eine Fortsetzung - vor allem südlich des Semmerings - erhalten soll.