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Bregenzer Festspiele
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Noch mitten im Schutt der Bombenruinen und in der Not der Nachkriegszeit haben mutige Idealisten 1946 in Bregenz eine lokale Festwoche durchzuführen gewagt, zu der künstlerische Kräfte aus großen Städten herangezogen worden sind. Auf Flößen im Bregenzer Hafen sind damals Mozarts ‚Bastien und Bastienne‘ und als Ballett ‚Eine kleine Nachtmusik‘ aufgeführt worden. Dabei ist der Bodensee in seiner majestätischen Schönheit als Hauptakteur der Aufführungen entdeckt worden. Und damit ist bereits die Idee des ‚Spiels auf dem See’ geboren gewesen, die für die weitere Entwicklung der Bregenzer Festspiele maßgebend geworden ist. Veranstalter ist in den ersten drei Jahren die Landeshauptstadt Bregenz gewesen; ab 1949 sind die Festspiele von einem eigens für deren Abhaltung gegründeten privaten Verein, nämlich der Festspielgemeinde Bregenz, durchgeführt worden. Bund, Land und Stadt haben Zuschüsse gewährt. Im Laufe der Jahre ist eine große Seebühne gebaut worden, wo jeden Sommer die Wiener Operetten von Johann Strauß bis Franz Lehár und Robert Stolz erklungen sind, umgeben vom Zauber der Lichter und von den Farben des nächtlichen Bodensees. Die damals oft totgesagte Operette hat so in anderen Dimensionen und in einer neuen Atmosphäre eine Wiedergeburt erlebt. Dieses Neuland ist durch Dirigenten und Regisseure geprüft worden. Sie haben die Akustik am See erforscht und die unbeschränkten Möglichkeiten dieser Naturbühne von 4o.ooo m² Spielfläche erkannt. Nur im Barocktheater hat das junge Bregenzer Wassertheater mit seinen Bühneninseln, schwimmenden Bühnenteilen, Schiffen, Fontänen und Wasserfächern einen gewissen Vorläufer gehabt. Auch für die Oper haben sich auf dieser Raumbühne neue Aufführungsformen erschlossen, besonders für jene, bei denen das Wasser als mitspielendes Element eine echte Atmosphäre geschaffen hat, wie etwa in Albert Lortzings ‚Zar und Zimmermann‘ und in Richard Wagners ‚Fliegendem Holländer‘. Völlig neue Wege haben die Bregenzer Festspiele auf dem Gebiet des Balletts beschritten, als erkannt worden ist, daß das Tänzerische auf der Seebühne besondere Effekte zu erzielen vermag. Neben klassischen Ballettwerken, insbesondere jenen von Tschaikowsky, haben auch moderne Ballette, wie ‚Romeo und Julia‘ von Sergej Sergejewitsch Prokofjew oder ‚Die Irrfahrten des Odysseus‘ von Helmut Eder als Auftragswerk der Bregenzer Festspiele, durch eine Fülle choreographischer Einfälle, die den Besonderheiten des Sees angepaßt gewesen sind, eindrucksvolle Realisierungen erfahren. Eine Aufführung der barocken Ballettoper ‚Die Feenkönigin‘ von Henry Purcell hat gezeigt, welche ungeahnten akustischen und optischen Wirkungen von Seespielen ausgehen können. Leider trägt Petrus in den Bregenzer Festspielkalender nicht immer Sonnentage ein. Nördlich des Alpenhauptkammes sind Aufführungen, die wie das Spiel auf dem See im Freien stattfinden, mitunter recht unsicheren Witterungsverhältnissen ausgesetzt. Daher fallen wegen Regenwetters See-Aufführungen aus oder müssen unterbrochen werden. So prasselte schon manchmal der Regen nieder ohne Rücksicht auf die anwesende Prominenz, die erwartungsvollen Besucher sind enttäuscht wieder weggegangen. Unter solchen Umständen ist ein Festspielhaus zu einer Lebensfrage der Bregenzer Festspiele geworden. Bereits im Herbst 1955 ist durch die Festspielgemeinde Bregenz ein Wettbewerb für österreichische Architekten zur Errichtung eines Festspielhauses ausgeschrieben worden. Aufgrund von Kompetenzschwierigkeiten zwischen der Republik Österreich, dem Land Vorarlberg und der Stadtgemeinde Bregenz, aber auch wegen der ungeklärten Finanzierung, hat sich die Verwirklichung verzögert. Dies hat aber auch ihr Gutes gehabt, da im Zuge von Umplanungen letztendlich ein geschlossener Festspielkomplex am See mit Festspiel- und Kongreßhaus, Seetribüne und Seebühne hat realisiert werden können. Dies hat auch der Stadtplanung der Landeshauptstadt entsprochen. Am Eröffnungstag der Festspiele 1976 ist durch den Bundespräsidenten Dr. Rudolf Kirchschläger der Grundstein für das Festspiel- und Kongreßhaus gelegt worden; die feierliche Eröffnung ist im Juli 198o erfolgt, nachdem die neue Seebühne bereits für den Festspielsommer 1979 zur Verfügung gestanden ist. Bei schlechtem Wetter kann etwa der Hälfte der Besucher des Spiels auf dem See eine vollwertige Ersatzvorstellung im Festspielhaus geboten werden. Da dessen Bühne mit modernsten technischen Einrichtungen ausgestattet ist, können bei den Aufführungen in geschlossenen Räumen alle gewünschten Werke gebracht werden. Außerdem steht den Festspielen erstmals ein großer Konzertsaal zur Verfügung. Die Entwicklung einer eigenständigen Bregenzer Dramaturgie setzt auch im Festspielhaus neue Akzente. Als Gegengewicht zum opulenten Spiel auf dem See werden Opernraritäten aufgeführt. Mit dem ‚Vogelhändler’ von Carl Zeller ist 1984 und somit vorerst letztmalig eine Operette auf der Seebühne gebracht worden. Mit dem Triumph der ‚Zauberflöte’ auf der Seebühne ist dann eine neue Ära eingeleitet worden. Das Zuschauerinteresse für die Seeproduktionen der Folgejahre hat alle Erwartungen übertroffen, wobei das Spiel auf dem See jeweils zwei Sommer gespielt wird. Die nunmehr stabileren Bühnenaufbauten, die allein schon einen enormen finanziellen Aufwand erfordern, bleiben den Winter über stehen. Seit 1985 sind folgende Seeproduktionen gebracht worden: 1985/86 Wolfgang Amadeus Mozart ‚Die Zauberflöte’ 1987/88 Jacques Offenbach ‚Hoffmanns Erzählungen’ 1989/9o Richard Wagner ‚Der Fliegende Holländer’ 1991/92 Georges Bizet ‚Carmen’ 1993/94 Giuseppe Verdi ‚Nabucco’ 1995/96 Ludwig van Beethoven ‚Fidelio’ 1997/98 George Gershwin ‚Porgy and Bess’ 1999/2ooo Giuseppe Verdi ‚Ein Maskenball’ 2oo1/o2 Giacomo Puccini ‚La Bohème’ 2oo3/o4 Leonard Bernstein ‚West Side Story’ 2oo5/o6 Giuseppe Verdi ‚Der Troubadour’ 2oo7/o8 Giacomo Puccini ‚Tosca’ 2oo9/1o Giuseppe Verdi ‚Aida’. Von Anfang an verlieh die Mitwirkung der Wiener Symphoniker als Bregenzer Festspielorchester den Veranstaltungen künstlerisches Niveau. Nach dem Krieg reisten die Musiker gerne in den ‚goldenen Westen‘, weil dort die Lebensmittel weniger knapp waren als in der Großstadt Wien. Außerdem suchten die Symphoniker, das zweite große Orchester Wiens, ein künstlerisches Äquivalent zur Mitwirkung der Wiener Philharmoniker in Salzburg - da bot sich Bregenz an. Die Wiener Symphoniker sind seither in Bregenz die Stütze sämtlicher musikalischer Aufführungen. Sie fungieren als Theaterorchester am See und bestreiten im Haus vor allem die großen Orchesterkonzerte, die im großstadtlosen Raum zwischen München, Stuttgart und Zürich deshalb an Bedeutung gewinnen, weil manche anspruchsvollen Orchesterwerke und Oratorien hier überhaupt zum ersten Male zu hören sind. In Zyklen sind die Werke von Beethoven und Richard Strauss, von Brahms und Schumann, aber auch von Schubert und vor allem von Bruckner dargeboten worden. Bereits zum zehnjährigen Festspieljubiläum ist 1955 das Theater am Kornmarkt eröffnet worden, ein Haus, das mit seinen kaum 7oo Sitzplätzen für den Festspielbedarf zu klein gewesen ist, aber die Pflege der Spieloper ermöglicht hat. In bewußter Abgrenzung zum Programm der Salzburger Festspiele haben die Bregenzer Festspiele in erster Linie selten gehörte Meisterwerke der Spieloper dargeboten, wie Der ‚Barbier von Bagdad‘ von Peter Cornelius, ‚Fra Diavolo‘ von Auber und ‚Die heimliche Ehe‘ von Cimarosa. Die wieder aufgefundene Oper ‚Das brennende Haus‘ von Joseph Haydn ist uraufgeführt worden. Neben Werken von Donizetti und Bellini sind die Opern von Rossini unter der musikalischen Leitung von Vittorio Gui mit italienischen Spitzenkräften im Mittelpunkt gestanden.
Auf dem Schauspielsektor haben die Bregenzer Festspiele entgegen den
üblichen Strömungen im Repertoiretheater in enger Zusammenarbeit mit dem
Wiener Burgtheater das ethisch Wertvolle in den Vordergrund gestellt.
Fast alle Dramen Grillparzers sind aufgeführt worden, aber auch die
Werke Ferdinand Raimunds und Johann Nestroys neben denen von Hermann
Bahr, Hugo von Hofmannsthal, Franz Molnar und Arthur Schnitzler. Goethe,
Schiller und Shakespeare sind natürlich auch gebracht worden
sowie nicht weniger als zehn Uraufführungen im Schauspiel, in erster
Linie deutschsprachige Autoren wie Felix Braun, Julius Hay, Hans Hömberg,
Max Mell, Hermann Ferdinand Schell, Reinhold Schneider, Max Zweig und
Frank Zwillinger. Im Laufe der Jahre sind die Bregenzer Festspiele eine
gemeinsame Sache ganz Vorarlbergs geworden. Kleinere musikalische
Veranstaltungen der Festspiele werden auch von anderen Orten des Landes
übernommen, die ein kulturhistorisches Fluidum ausstrahlen wie der
Renaissance-Palast in Hohenems oder die Schattenburg in Feldkirch. Oder
von Orten, die gute Voraussetzungen für Kirchenkonzerte bieten, wie
Bludesch, Egg, Höchst und Schwarzenberg. Die Zusammenarbeit mit dem ORF
hat die Möglichkeit geschaffen, am Westtor Österreichs, im Hof des
gräflichen Palastes in Hohenems, Haydn-Opern aufzuführen, wie sie in
ähnlichem Rahmen vor 2oo Jahren in Schloß Esterhazy am östlichen Ende
Österreichs in Szene gegangen sind.
Als junge Festspiele -
gewachsen in einem Raum, in dem die Tradition kultureller Erlebnisse
gefehlt hat - sehen die Bregenzer Festspiele noch große
Entwicklungsmöglichkeiten vor sich. Sie wollen vor allem echt
österreichische Festspiele sein und österreichischen Kulturwillen am
westlichen Eingangstor unseres Landes dokumentieren.
Die Bregenzer Festspiele bringen heuer als Spiel auf dem See in Wiederholung des vorjährigen Erfolges Giuseppe Verdis ‚Aida’ und im Festspielhaus die szenische Aufführung der Oper ‚Die Passagierin’ von Mieczyslaw Weinberg. Dazu kommen noch Orchesterkonzerte, Schauspielaufführungen, Serenaden und die Darbietung sakraler Musik.
Mir ist es eine Freude, meine Gäste am 22. August 2o1o auf einer
Zwei-Tage-Fahrt zu den Bregenzer Festspielen zu begleiten. Die Reise
führt von Linz und Salzburg über Innsbruck - im Inntal können die
Tiroler Teilnehmer zusteigen - ins Ländle. In dem mir bereits bekannten
****Hotel ‚Hirschen’ in Dornbirn steigen wir ab. Das Abendessen wird
etwas früher serviert als üblich, da wir ja noch nach Bregenz fahren
müssen, um vor der Aufführung von Verdis ‚Aida’ noch etwas Festspielluft
schnuppern zu können. Dann aber sind wir vereint mit etwa 6ooo
Musikbegeisterten. Regie und Bühnenbild sind vielleicht
‚gewöhnungsbedürftig’, aber Verdis unvergängliche Melodien genießen wir
alle.
Spät wird es an diesem Abend, mit unserem Bus fahren wir unmittelbar nach der Vorstellung zurück nach Dornbirn. In unserem Hotel können wir dann noch beisammen sitzen und unsere Eindrücke besprechen.
Am Morgen des zweiten Reisetages können wir ausschlafen, nach dem
wunderbaren Frühstücksbuffet wollen wir dem Musikereignis des Vorabends
noch einen landschaftlichen Genuß folgen lassen. Wir fahren nämlich
nicht durch den Arlbergtunnel zurück sondern nehmen die Strecke durch
das Montafon und das Paznauntal, fahren also auf der
Silvretta-Hochalpenstraße, wobei wir bis in eine Höhe von 2o36 m ü.d.M.
kommen. Zwischen den beiden Tälern legen wir auf der Bielerhöhe eine
längere Pause ein. Eine Schiffahrt ist angesagt! Wie das? Wir wollen das
nachholen, was am Bodensee mangels entsprechender Zeit nicht möglich
gewesen ist. Der etwa 2.5 km lange und 75o m breite Silvretta-Stausee
ist nämlich schiffbar. In einem in den Niederlanden gebauten Motorboot -
ähnlich den Schiffen, mit denen die Grachten in Amsterdam befahren
werden - wollen wir mit Blick auf den mit 3313 m höchsten Berg
Vorarlbergs, den Piz Buin, eine Rundfahrt unternehmen und dann darauf
hinweisen, daß wir auf Europas höchstgelegenem Stausee gefahren sind.
Ist das nicht etwas vom Feinsten?
Da eine Schiffahrt ‚hungrig
macht’, können wir noch auf der Bielerhöhe zu Mittag essen, bevor es
dann in Tirol weiter geht. Auf der ab Landeck bekannten Strecke fahren
wir zurück zu den Ausgangspunkten in Tirol, Salzburg und Oberösterreich,
voll mit Erinnerungen an musikalische Genüsse, aber auch an Erlebnisse
in bezaubernd schöner Landschaft.
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